Was sind Invasionsvögel?

Seidenschwänze fressen Beeren an einer der vielen Autobahnabfahrten in NRW
(© Kathrin Schidelko)

Bei vielen Vogelarten ist das Zugverhalten weitestgehend angeboren. Dennoch gibt es auch etliche Vögel, deren Wanderungen stark von Umweltbedingungen beeinflusst werden. Die ganz genauen Mechanismen auf genetischer und physiologischer Ebene sind meist nicht genau bekannt, aber dank intensiver wissenschaftlicher Forschung wachsen unsere Erkenntnisse über dieses Thema stetig. Zu den Vogelarten mit ungewöhnlichen Zugmustern gehören sogenannte Invasionsvögel, die in manchen Jahren auch außerhalb ihres permanenten Winter- (und manchmal auch Brut-)Verbreitungsgebietes erscheinen. Hinter dem martialisch klingenden Namen verbirgt sich ein harmloses Phänomen, das ökologisch aber sehr spannend ist und zudem viele Vogelbeobachter*innen immer wieder in Begeisterung versetzt.

In unseren Breiten sind es beispielsweise einige hochnordische Brutvögel, die in manchen Wintern gehäuft auftreten. Dazu gehören z.B. verschiedene Birkenzeisigformen (je nach Taxonomie werden diese als Arten oder Unterarten betrachtet) oder Sibirische Tannenhäher, eine Unterart des auch in NRW brütenden Tannenhähers, der durch einen längeren Schnabel charakterisiert ist und dessen letzte große Invasion Ende der 1960er Jahre stattfand. Arten wie der Rotfußfalke sind manchmal auf dem Zug im Frühjahr und Spätsommer häufiger als in anderen Jahren. Oft sind Invasionsvögel recht regelmäßige Wintergäste, die in manchen Wintern jedoch deutlich häufiger auftreten. Dazu gehören auch die bekannten Seidenschwänze. Sie ernähren sich außerhalb der Brutzeit hauptsächlich von Früchten, z.B. von Eberesche, Schneeball, Mistel und Liguster. Ist in manchen Wintern die Nahrung in regelmäßigen Überwinterungsgebieten in Nord- und Nordosteuropa knapp, können die Vögel auch in NRW gehäuft beobachtet werden und locken dann Vogelbeobachter*innen an, die einen Blick auf die seltenen Gäste werfen können. In anderen Jahren gibt es fast keine Beobachtungen. Seidenschwanzinvasionen lassen sich mit ornitho oder dem eurobirdportal mittlerweile wunderbar nachvollziehen.

In der Vergangenheit wurden unregelmäßig erscheinende Naturphänomene oft mit schlechten Vorzeichen in Verbindung gebracht – dieser Aberglaube lebt manchmal noch in einigen Namen weiter, beispielsweise beim Unglückshäher und auch der Seidenschwanz hat in den benachbarten Niederlanden den wenig schmeichelhaften Namen Pestvogel.

Invasionsvögel sind natürlich auch aus Sicht des regelmäßigen Verbreitungsgebietes Evasionsvögel, schließlich fliegen sie aus diesem Gebiet heraus. Auch in unseren Breiten regelmäßig überwinternde Vögel können plastisch auf Umweltveränderungen reagieren. Einige Teilzieher verharren bei uns bis zum Wintereinbruch mit Frost und geschlossener Schneedecke – oft kommt es dann zu einer sogenannten Winterflucht. Ziehende Schwärme von Feldlerchen und anderen Arten sind unter diesen Bedingungen kein seltenes Phänomen. Einige Invasionen sind außergewöhnlich und in ihrer Folge kann es auch zu Bruten außerhalb des regelmäßigen Brutgebietes kommen – Beispielarten dafür dürften bei uns vielerorts Fichtenkreuzschnabel (wohl in Abhängigkeit von der Zapfenmast) und Erlenzeisig sein. Im 19. Jahrhundert kam es wiederholt zu Einflügen von Steppenflughühnern, die auch in NRW beobachtet wurden. In anderen Teilen Mitteleuropas gelangen damals sogar Brutnachweise dieser sonst in Zentralasien brütenden Vogelart.

Nicht zu verwechseln sind all diese Invasionsvögel mit sogenannten invasiven Arten. Bei letzteren handelt es sich um nicht heimische Arten, wobei die genaue Begriffsdefinition schwierig und teilweise umstritten ist. Bei uns in NRW erforscht unsere AG Neozoen nicht heimische Vogelarten.

 

Mehr dazu

Wie weit ziehen Zugvögel?

Was ist Teilzug?