Wie weit fliegen Zugvögel?

Kaum ein Zugvogel ist so gut erforscht wie der Weißstorch (© Wolfgang Charles)

Der Vogelzug fasziniert die Menschen schon seit sehr langer Zeit, dabei wissen wir erst seit vergleichsweise kurzer Zeit etwas über die regelmäßigen Wanderbewegungen der Tiere. In früheren Jahrhunderten glaubten beispielsweise viele Menschen, Schwalben würden im Schlamm am Grund von Gewässern überwintern - Hintergrund war wohl, dass die Vögel auf dem herbstlichen Wegzug oft über Gewässern jagen, wo sich selbst bei kühler Witterung noch genügend Insekten finden. Anders als viele andere Vogelarten können Schwalben während des Zuges fressen und müssen dazu meist keine lange Zwischenrast einlegen.

Rund 4.000 der weltweit etwa 10.000 Vogelarten sind Zugvögel. Allein aus Europa machen sich jedes Jahr grob geschätzt etwa 2 Milliarden Zugvögel auf den Weg nach Süden. Aus mitteleuropäischer Sicht unterscheidet man Kurz-, Mittel- und Langstreckenzieher von den nicht ziehenden Standvögeln. Kurz- und Mittelstreckenzieher fliegen oft nur wenige Hundert bis einige Tausend Kilometer. Viele von den Arten, die bei uns brüten, überwintern beispielsweise im Mittelmeergebiet. Langstreckenzieher ziehen dagegen viele Tausend Kilometer und überwintern oft in Afrika südlich der Sahara - nur wenige mitteleuropäische Brutvögel wie der Karmingimpel überwintern in Südasien. Bei einigen Arten zieht ein Teil der Population, während ein anderer Teil im Brutgebiet überwintert. Unter Gebirgsstelzen findet man Standvögel, Kurzstrecken- und Langstreckenzieher. Zuletzt gibt es auch noch Altitudinalzug, bei dem die Vögel aus höheren Regionen ins Flachland ziehen. Bergpieper, die in den Gebirgen Europas wie etwa den Alpen brüten, ziehen im Winter ins Tiefland und sind dann auch regelmäßige Gäste bei uns in NRW.

Dank moderner Technologien wie Lichtlevel-Geolokatoren und der Satellitentelemetrie mittels GPS-Sendern sind in den letzten Jahren einige erstaunliche Leistungen von Zugvögeln bekannt geworden.

Den Weltrekord im Non-Stop-Langstreckenflug hält eine Pfuhlschnepfe, die im Herbst 2020 von Alaska nach Feuerland flog - insgesamt über 12.000 km in rund elf Tagen.

Küstenseeschwalben brüten in den gemäßigten nördlichen Breiten bis hinauf in die Arktis und überwintern in antarktischen Gewässern. Ein Vogel aus Großbritannien verließ sein Brutgebiet im Juli 2015 und kehrte im nächsten Jahr am 4. Mai nach unglaublichen 96.000 km zurück. Die Küstenseeschwalbe hatte den Atlantik nach Süden überflogen, den Indischen Ozean erreicht und schließlich in der antarktischen Weddelsee überwintert, bevor sie zurück nach Westeuropa flog.

Mauersegler, die auch in unseren Städten mit ihren lauten sriiih-Rufen zum akustischen Sommergefühl beitragen, aber in Afrika überwintern, bleiben gar bis zu zehn Monate in der Luft. Sie landen nur an ihrem Brutplatz und schlafen und paaren sich sogar in der Luft.

Doppelschnepfen fliegen von ihren skandinavischen Brutgebieten nach Sub-Sahara-Afrika ohne Unterbrechung in zwei bis vier Tagen. Die schnellste gemessene mittlere Reisegeschwindigkeit betrug dabei 96 km/h - die bisher schnellste gemessene Geschwindigkeit im Tierreich auf einer so langen Distanz.

Streifengänse überfliegen auf ihrem Zug zwischen Brut- und Winterquartier regelmäßig den Himalaya. Sie erreichen dabei Höhen bis über 7.000 m über dem Meeresspiegel.

Nur 25 g schwere Steinschmätzer, die in Alaska brüten, überwintern in Afrika - die einfache Strecke liegt bei rund 14.500 km. Steinschmätzer aus dem Nordosten Kanadas überwintern ebenfalls in Afrika, sie überqueren den Atlantischen Ozean - rund 3.500 km über offene See.

 

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